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Diesseits der Medien (Hans-Magnus Enzensberger) - Sachtextanalyse

„Dies ist keine Pfeife“ schreibt der Maler Rene Magritte unter sein Bild, auf dem eine Pfeife zu sehen ist. Wahrscheinlich ist es diese Textzeile, die das Bild absurd und damit dem Surrealismus zugehörig macht. Der Maler versucht den Betrachter damit auf den Unterschied zwischen Realität und Simulation aufmerksam zu machen, ähnlich wie Hans Magnus Enzensberger, der Autor des Essays „Diesseits der Medien“, welches im Februar 2000 im Spiegel veröffentlicht wurde. Er geht in seinem zu dem Werk „Das digitale Evangelium“ gehörigen Text den Fragen nach, warum es zur Vermischung von Realität und Erdachtem durch die Medien kommt, wie sich dies auf die Medienkonsumenten auswirkt und belegt dies mit anschaulichen Beispielen.

Der Text ist in der Hochsprache verfasst, was an der gewählten Ausdrucksweise, der Verwendung vieler Fremdwörter (z.B. „Selbstreferenz“ (9), „Art-Directoren“ (23), „Skepsis“ (34), „Apokalypse“ (53)) und französischer Wendungen wie „Ceci n'est pas une pipe“ (1) oder „l'art pour l'art“ (26) zu erkennen ist. Die verwendete Zeitform ist die Gegenwart.

Ich habe den Text in acht Absätze gegliedert. Im ersten Absatz erfolgt die Hinleitung zum Thema durch das Bild „Ceci n'est pas une pipe“ (1) des Malers Rene Magritte. Der Name des Bildes sticht deutlich heraus, da er kursiv gedruckt, französisch-sprachig und als vollständiger Satz dargestellt ist. Schon 1928/29 hat der Maler Rene Magritte die Vermischung von Realität und Simulation kritisiert, doch „Genützt hat es wenig“ (3), meint der Autor. Die Möglichkeit, „die Abbildung einer Pfeife mit einer Pfeife zu verwechseln“ (2,3) erscheint nach dem ersten Lesen paradox, jedoch verdeutlicht das Wort „Abbildung“ den Unterschied zwischen Realität und Simulation. Das Attribut „digital“ zu den „Evangelisten“ (3) wirkt unpassend und irritierend. „Digital“ steht bei Enzensberger für die heutige, multimediale, moderne, computerisierte Welt. „Digitale Evangelisten“ sind für Enzensberger also Menschen, die sich dieser modernen Welt angenommen haben und ihre Möglichkeiten nutzen. Er veranschaulicht („werden nicht müde zu behaupten“ (4)), dass diese fest daran glauben, dass die Entwicklung der Medien den Unterschied zwischen Realität und Simulation überflüssig machen wird beziehungsweise schon gemacht hat. Die in diesem Absatz enthaltene These kann man wie folgt formulieren: die Leute neigen dazu, Wirkliches und Unwirkliches zu vermischen.

Daraufhin folgt im zweiten Absatz die Begründung, warum „sich diese negativen Simulationstheorien so großer Beliebtheit erfreuen“ (7). Enzensberger sieht das Problem in der sogenannten „Betriebsblindheit“ (9) der Journalisten. Sie überschätzen sich und üben weder Selbstkritik aus und noch sehen sie Veränderungsmöglichkeiten. Dies führt zur Verwechslung von Medienwelt und Realität. Da „auch die beste Zeitung innerhalb von 24 Stunden zum Altpapier wird“ (14,15), soll die Wichtigtuerei der Journalisten diese für die Kurzlebigkeit einer interessanten Nachricht oder Zeitung entschädigen.

Im darauffolgenden dritten und vierten Absatz schließt der Autor die vollständige Argumentationskette ab, indem er die Selbstüberschätzung der Journalisten am Beispiel des klassischen Journalismus und der Werbebranche darlegt. Diese Flüchtigkeit der Arbeitserzeugnisse eines Journalisten führt zu einer „narzisstische[n] Kränkung“ (15,16). Der Begriff geht auf Sigmund Freud zurück und steht für Erkenntnisse, welche das Selbstwertgefühl einer Person in Frage stellen und zu einem Widerspruch zwischen idealisiertem Selbstbild und Realität führen. Aus diesem Grund sollen die Nachrichten möglichst wichtig sein. Zur Verdeutlichung der Wichtigkeit dieser Aufmacher vergleicht der Autor heutige Redaktionskonferenzen mit Kabinettssitzungen im Bundestag. Jedoch hängt vom Aufmacher, anders als im Bundestag, nicht das „Schicksal der Nation [...] ab“ (18), was der Autor durch die Verwendung des Konjunktivs deutlich macht („als hinge [...] davon ab“ (18)). Er kritisiert damit die Weltfremdheit der heutigen Journalisten, deren einziges Ziel es ist, die Konkurrenz mit möglichst skandalösen Aufmachern auszustechen, ohne Rücksicht auf die Leser, die informiert werden wollen, und auf die eigentliche Information, die übermittelt werden will. Der Inhalt richtet sich also nach dem „Urteil ihrer Konkurrenten“ (20), einer nicht nur kleinen, sondern „winzigen Zielgruppe“ (20), wie der Autor klarstellt.

Doch nicht nur Journalisten arbeiten derart weltfremd, sondern auch die „so genannten Kreativen“ (22) von der Werbung, die „unbedingt als Künstler gelten“ „möchten“ (23). Hier klingt Ironie mit, d.h., der Autor scheint diese Menschen und ihren Beruf nicht ernst zu nehmen. Zielgruppe ihrer Werbung sind hauptsächlich junge Leute, obwohl „Alterspyramide und Kaufkraftverteilung eine ganz andere Sprache sprechen“ (25/26). Durch die Personifikation hebt der Autor diesen Satz hervor, der die Weltfremdheit verdeutlicht. Die Bevölkerung wird zum Einen immer älter, weshalb die jungen Menschen den kleineren Teil der Bevölkerung ausmachen, zum Anderen haben ältere Menschen eine höhere Kaufkraft, da sie länger im Arbeitsleben stehen und häufig höhere Positionen besetzen. Enzensberger überträgt den Slogan der französischen Kunsttheorie „l’art pour l’art“ (26), der dafür steht, etwas um seiner selbst Willen zu tun, etwas, dass keines Zweckes bedarf, auf das Medium, was in „le medium pour le medium“ (27) resultiert, d.h., der Sinn und Nutzen des Mediums wird bei der Medienarbeit vollkommen vernachlässigt. Der Auffassung des Autors kann ich nicht zustimmen. Ich denke, dass die Werbefachleute sich ihrer Arbeit bewusst sind und keineswegs weltfremd arbeiten. Was die jungen Menschen als Zielgruppe prädestiniert, ist ihre Manipulierbarkeit, wohingegen Ältere häufig aufgeklärter sind und damit für die Werbung nicht so erreichbar.

Nach dem Motto „Glauben ist nicht Wissen“ verdeutlicht der Autor im fünften Absatz, dass der „Glaube“ der Medienmitarbeiter, „dass ihnen die Leute glauben“ (28/29), grundlegend falsch ist. Früher gab es eine Leserschaft, die „für glaubwürdig hielt“ (30), was in den Zeitschriften stand, doch durch die Verwendung des einzigen Präteritums in diesem Text kennzeichnet der Autor, dass dies Vergangenheit ist. Enzensberger stellt die These auf, dass die Leute von heute wissen, dass man nicht alles glauben sollte, was man sieht. Hier widerspreche ich dem Autor aber, denn viele Leute glauben einfach, was sie glauben wollen. Je spektakulärer und übertriebener eine Nachricht dargestellt, desto weniger informativ, aber desto interessanter wird sie und desto mehr glaubt man sie häufig auch. Genauso macht es auch die Bild-Zeitung, die der Autor im sechsten Absatz als Beleg anführt.

Hier konkretisiert der Autor die Unglaubwürdigkeit der Medien und auch die Skepsis der Leser am Beispiel der Bild-Zeitung. Er hält es für allgemein bekannt, dass die Bild-Zeitung kein „Informationsmedium“ (35) ist und befindet die in der Bild-Zeitung mitgeteilten Nachrichten für „gewöhnlich erfunden oder irrelevant“ (36). Das Gleiche lässt sich auf Fernsehen und Werbung übertragen. Ich denke über die Bild-Zeitung ähnlich negativ wie der Autor, jedoch kann man ein Unterhaltungsmedium, wie es die Bild-Zeitung ist und der Autor erkannt hat, nicht kritisieren, weil es seiner Meinung nach unwahre und uninteressante Meldungen veröffentlicht. Boulevardzeitungen wie die Bild sind da, um den Leser zu unterhalten und das funktioniert nicht mit wahrheutsgetreuen Nachrichten.

Die Argumentation droht unschlüssig zu werden, da trotz der von Enzensberger geschilderten Skepsis der Konsumenten gegenüber den Medien eine hohe Nachfrage nach dem Medienangebot besteht. Warum die Rezeptionsforschung, die das Verhalten der Konsumenten untersucht, keine Antwort auf diese Frage findet, begründet er aber sofort. Die Methoden der Forscher erfassen keine Wirkungen und sind deshalb unbrauchbar. Durch die folgenden zwei unbeantworteten Fragen zwingt Enzensberger den Leser dazu, sich mit dem Thema kritisch auseinanderzusetzen. Dass die Lösung dieser Fragen nicht einfach zu finden ist, unterstreicht er, indem er es als „Kein Wunder“ (45) bezeichnet, dass selbst die Antworten der Forscher widersprüchlich sind. Mit einem erschreckenden Beispiel versucht der Autor den Leser für sich als Gegner der Simulationstheorie zu gewinnen: Würde es wirklich keinen Unterschied zwischen Realität und Simulation geben, wären der „Mord im Krimi oder im Videospiel und der Mord vor der eigenen Haustür“ (47) „ein und dasselbe“ (48).

Der achte Absatz beginnt mit einem Wortspiel: Trotz Abkehr von der Kirche und Verstädterung „spricht manches für den Rat, die Kirche im Dorf zu lassen“ (50), also, nicht zu übertreiben. Diese Redewendung dient der Verbildlichung und Verdeutlichung, die Situation zu akzeptieren und Aussagen sogenannter „Medienpropheten“ (52), die „die Apokalypse oder die Erlösung“ (53) prophezeien, nicht allzu ernst zu nehmen. Der Autor kommt zum Schluss seiner Ausführungen, indem er das Bild des Malers Rene Magritte der Einleitung wieder aufgreift. Verschiedene Beispiele verdeutlichen zum Schluss noch einmal, dass Realität und Simulation völlig verschieden sind („Das Zahnweh ist nicht virtuell.“ (56), „Wer hungert, wird von Simulationen nicht satt.“ (57)) Auch, wenn die Medien heutzutage eine große Rolle im Leben der Menschen spielen, stellt Enzensberger mit einem doppelten „doch“ (58) heraus, dass es ein Leben „diesseits der digitalen Welt“ (58) gibt. Er fügt außerdem hinzu, dass es „das einzige [ist], das wir haben.“ (58) und unterstreicht damit den Wert unseres realen Lebens.

Hans Magnus Enzensberger kritisiert in seinem Essay die sogenannte Simulationstheorie, nach der Realität und Simulation eins sind, und fordert den Leser, insbesondere die „digitalen Evangelisten“, zur Abkehr von dieser Vorstellung auf. Ich denke, viele Menschen flüchten sich einfach in die Simulation, da hier vieles einfacher erscheint. Gerade Rezipienten der Boulevardmagazine wie die Bild-Zeitung, die vom „schönen Leben“ der Prominenten berichten oder Seifenopern, die einem das „reale Leben“ vorspielen, sind hiermit gemeint. Charaktere in Seifenopern finden immer „zufällig“ einen Weg, der sie aus einer misslichen Lage befreit. Und wenn sie dann doch mal Probleme haben, ist es immernoch einfacher, sich Probleme anderer im Fernsehen anzusehen, als sich mit seinen eigenen zu beschäftigen. Wahrscheinlich wird es genau deshalb auch immer realitätsnahe und realitätsferne Menschen geben.

Hinweis: Die hier angebotenen Hausaufgaben wurden von mir persönlich erarbeitet und stehen deshalb unter Copyright. Du kannst gerne einzelne Passagen oder Ideen in deine Arbeiten übernehmen. Ich bitte dich jedoch, nicht den gesamten Text zu kopieren und als deinen auszugeben, da auch Lehrer die Suchmaschine Google kennen.

Erstellt von phil am 26.7.2010 um 18:30.

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