Umtausch nicht gestattet (Theodor W. Adorno) - Sachtextanalyse„Ein Geschenk [...] ist die freiwillige Übertragung des Eigentums an einer Sache oder an einem Recht an einen anderen, ohne eine Gegenleistung zu verlangen. Im übertragenen Sinne kann man auch jemandem seine Aufmerksamkeit, sein Vertrauen oder seine Liebe schenken. Schenken kann ein Ausdruck altruistischen Handelns sein, oder aber einen gewissen sozialen Druck auf den Beschenkten ausüben, dem Schenkenden seinerseits für einen Gefallen oder ein Geschenk verpflichtet zu sein.“ (Wikipedia) Jener Form des unfreiwilligen, obligatorischen Schenkens kritisiert Theodor W. Adorno in seinem Essay „Umtausch nicht gestattet“. Er beschreibt den Verfall des Schenkens, indem er moderne Schenkpraktiken kritisch-philosophisch betrachtet. Der Text ist in der Gegenwart geschrieben, da er dem Leser die heutige Oberflächlichkeit und Gedankenlosigkeit beim Geschenkkauf aufzeigt. Der Autor schreibt außerdem in der Hochsprache, was unter anderem an der gewählten Ausdrucksweise (z.B. „... unter sorgfältiger Innehaltung des ausgesetzten Budgets, skeptischer Abschätzung des anderen ...“, 8/9) und der Verwendung vieler Fremdwörter und Anglizismen (z.B. „charity“ (4), „Nuancen“ (13), „Fungibilität“ (19), „Phantasie“ (15), „Konsequenz“ (32)) sichtbar wird. Auffällig sind auch die verzweigten Satzkonstruktionen, die der Autor für nachträgliche Erläuterungen nutzt. Die Überschrift erlaubt keine Vorschau auf den Inhalt, auf deren Sinn werde ich später zurückkommen. Das Essay ist optisch nicht in konkrete Abschnitte geteilt, sondern gliedert sich vielmehr durch die Argumentationsketten bestehend aus Behauptung, Begründung und manchmal auch Beispiel. Schon der einleitenden erste Satz ist eine These des Autors: „Die Menschen verlernen das Schenken.“ (1) Das Schenken ist nach Meinung des Autors zu einer lästigen Pflicht verkommen, der die Menschen nur „widerwillig“ (8) und „mit möglichst geringer Anstrengung“ (9,10) nachkommen. Das Misstrauen gegenüber dem Schenker, der hier abwertend als „Geber“ (3) bezeichnet wird, beginnt schon im Kindesalter. Die von Prominenten ausgeübte scheinbare Wohltätigkeit, dessen Sinn ich nicht anzweifeln möchte, jedoch dessen Glaubwürdigkeit, ist nur dazu da, „sichtbare Wundstellen der Gesellschaft planmäßig zuzukleben“ (4,5) Mit dieser ironischen Metapher prangert der Autor die Oberflächlichkeit der Gesellschaft an. Nur sichtbare Wunden werden versorgt, um den Schein zu wahren, tiefere außer Acht gelassen. Sehr auffällig sind gerade in diesem Teil die zahlreichen Attribuierungen (z.B. „menschliche Regung“ (5), „gerechtes Abwägen“ (6), „private Schenken“ (7), „soziale Funktion“ (7), „widerwilliger Vernunft“ (8), „sorgfältiger Innehaltung“ (8)), die dem Text mehr Bildhaftigkeit verleihen. Die zweite These steht im völligen Gegensatz zur ersten These und beschreibt das Schenken im ursprünglichen Sinne. Der Autor versteht unter „wirklichem Schenken“ (10), sich Gedanken machen, „Zeit aufwenden“ (11) und sich mit dem Beschenkten freuen. „Eben dazu ist kaum einer mehr fähig.“ (12) Mit diesem Satz führt Adorno die erste These mit anderen Worten nochmals an, um sie anschließend weiter mit Beispielen zu belegen. Die vom Autor satirisch beschriebenen Menschen schenken entweder „was sie sich selber wünschten, nur ein paar Nuancen schlechter“ (13) oder einen peinlichen, einfallslosen „Geschenkartikel“ (14), der „schon am ersten Tag“ „Ladenhüter“ (16) war. Durch die Inversion wird der Stellenwert des Geschenks als „Ladenhüter“ hervorgehoben. Durch den Vergleich der geschenkten Dinge mit ihren Schenkern veranschaulicht der Schriftsteller die Herzlosigkeit der „beziehungslosen“ (16) Schenker. Im darauffolgenden Satz erhält die Überschrift ihren Sinn: „Umtausch nicht gestattet“ bedeutet für den Käufer, dass man dem Beschenkten ein Geschenk nicht mit dem Vorbehalt des Umtauschs übergibt, sondern sich vorher Gedanken machen soll, was dem Beschenkten wirklich gefallen könnte. Um dem Leser zu zeigen, wie kalte, oberflächliche Schenker denken, bricht Adorno im nächsten Satz den Stil und veranschaulicht deren Denkweise in der Umgangssprache, was die Wirkung noch verstärkt. („hier hast du deinen Kram, fang damit an, was du willst, wenn dir’s nicht paßt, ist es mir einerlei, nimm dir etwas anderes dafür.“ (17,18,19)) Adorno ist der Auffassung, selbst, wenn das Schenken in unserer heutigen „Überfluss“ (14)-Gesellschaft „überflüssig wäre“ (24), gäbe es niemanden, für den Phantasie nicht das Richtige finden „könnte“ (25). Durch die Verwendung des Konjunktivs macht der Autor deutlich, dass ein Zustand wie dieser möglich ist, jedoch alles andere als die Realität. Durch die Verwendung einer Ellipse wirkt die Aussage „das ist Lüge“ (24) wie eine Anklage. Schenken kann nach Ansicht des Autors nicht überflüssig sein und ist eine „unersetzliche Fähigkeit“ (27). Nur, was von Herzen kommt, kann Herzen erreichen. Wer also nicht fähig ist, emotional zu schenken, ist laut Adornos dritter These innerlich erkaltet. Adorno nimmt Abstand vom rein materiellen Schenken und bezieht sich auf „geistiges“ Schenken. Er fordert den Rezipienten auf, sich wieder auf den ursprünglichen Sinn des Schenkens zu besinnen und es nicht als Pflicht anzusehen, sondern Spaß dabei zu haben, dem anderen eine Freude zu machen. Nach meinen Erfahrungen ist der materielle Wert eines Geschenkes nur im Kindesalter entscheidend, weil man kein eigenes Geld verdient. Beobachte ich meine Eltern und Großeltern, fallen die Geschenke ganz anders aus, da jeder sein eigenes Geld verdient und daher der emotionale Wert des Geschenkes verbunden mit dem Wille, dem anderen eine Freude zu machen, wie es Adorno beschreibt, im Vordergrund steht. Das richtige Geschenk auszusuchen, setzt auch voraus, den Beschenkten gut zu kennen. Interessiert man sich nicht für den Beschenkten, kennt man seine Interessengebiete und Hobbys nicht, bleibt nur der Griff zum Geschenkartikel. Genau diese Oberflächlichkeit kritisiert Adorno. Auch die Zeit spielt sicher eine große Rolle. Ich weiß zwar nicht, wann der Text verfasst wurde, jedoch starb Adorno 1969, d.h., der Text ist älter als 40 Jahre und das angesprochene Problem besteht schon länger. Meiner Meinung nach hat sich die Situation in den letzten Jahren weiter verschlechtert als verbessert. Ein wichtiger Grund dafür ist sicherlich, wie Adorno schon angeführt hat, die Entwicklung zur Wohlstandsgesellschaft. Früher, stelle ich mir vor, schenkte man eben das, was wirklich gebraucht wurde, wie z.B. neue Socken. Heute wird Notwendiges zwischendurch besorgt, da kann man sich an Feiertagen nur noch Überflüssiges schenken. Ich bin beim Geschenkkauf auch eher bequem, würde jedoch nichts schenken, von dem ich selbst nicht überzeugt bin, dass es dem anderen gefällt. Ich finde auch, dass nichts dagegen spricht, den anderen danach zu fragen, was er sich wünscht. Man spart Zeit, man braucht kein unsinniges Geschenk kaufen, das danach wieder umgetauscht wird und man ist sich sicher, dass der Beschenkte sich über das Geschenk freut, was also auch dem Beschenkten zu Gute kommt. Allerdings kommt es unter Freunden auch immer häufiger vor, dass man sich einfach gar nichts schenkt. Hinweis: Die hier angebotenen Hausaufgaben wurden von mir persönlich erarbeitet und stehen deshalb unter Copyright. Du kannst gerne einzelne Passagen oder Ideen in deine Arbeiten übernehmen. Ich bitte dich jedoch, nicht den gesamten Text zu kopieren und als deinen auszugeben, da auch Lehrer die Suchmaschine Google kennen. Erstellt von phil am 26.7.2010 um 18:43. « Diesseits der Medien (Hans-Magnus Enzensberger) - Sachtextanalyse Das Karussell (Rainer Maria Rilke) - Gedichtinterpretation » Kommentare
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