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Vergleich des historischen Gauß' mit dem Kehlmann'schen Gauß

Der historische Carl Friedrich Gauß wurde 1777 in Braunschweig geboren und war Sohn einfacher Leute. Seine Mutter war Dienstmädchen, sein Vater war unter anderem Gärtner, Schlachter, Maurer, und Schatzmeister. Annekdoten zufolge korrigierte der kleine Gauß schon mit drei Jahren seinen Vater bei der Lohnabrechnung. Sein Aufstieg zum angesehenen Wissenschaftler begann mit der Entdeckung seines mathematischen Talents durch seinen Lehrer namens Büttner an der Volksschule (1786). Zur Beschäftigung der Schüler stellte er die Aufgabe, die Zahlen von eins bis 100 zu summieren, doch Gauß errechnete innerhalb kürzester Zeit das Ergebnis. Die aufgestellte Formel ist heute als Gaußsche Summenformel bekannt. Gauß‘ Lehrer sorgte zusammen mit seinem Assistenten Martin Bartels dafür, dass Gauß das Gymnasium Catharineum, und später das Collegium Carolinum (1792-1795) besuchen konnte. Dort übernahm der Professor Zimmermann die Ausbildung und Förderung Gauß‘ und organisierte finanzielle Unterstützung durch den Herzog von Braunschweig. Danach machte Gauß Göttingen zu seiner Wahlheimat und besuchte an der dortigen Universität neben Mathematik auch Vorlesungen über Philologie, Physik und Astronomie. Der Beweis der Konstruierbarkeit eines regelmäßigen Siebzehnecks (1796) verhalf ihm zu dem Entschluss für ein Studium der Mathematik, das er 1799 mit seiner Doktorarbeit abschloss. Als Professor an der Universität Göttingen und Direktor der Sternwarte hielt er Lehrveranstaltungen, gegen die er aber eine Ablehnung entwickelte, da seine Studenten seiner Genialität selten gewachsen waren. 1804 verlobte er sich mit Johanna Elisabeth Rosina Osthoff, welche schon 1809 bei der Geburt seines dritten Kindes starb. Schon 1810 heiratete er Friederica „Minna“ Wilhelmine Waldeck, mit der er ebenfalls 3 Kinder zeugte, darunter auch Eugen, der eine wichtige Rolle im Buch spielt. Beide Ehen Gauß‘ wurden als glücklich überliefert. Gauß starb 1855 in Göttingen im Alter von 78 Jahren. Er war sehr religiös und konservativ. Zudem war er sehr monarchistisch eingestellt und lehnte die Revolution von 1848 ab. Gauß leistete Unglaubliches für die Mathematik, Physik, Astronomie und Vermessungstechnik. Die Osterformel, die Summenformel, der Beweis der Konstruierbarkeit eines regelmäßigen Siebzehnecks und damit der Begründung der nicht-euklidischen Geometrie, verschiedenste Formeln zur Berechnung von Planetenbahnen, das Magnetometer, die gaußsche Glockenkurve, die Methode der kleinsten Quadrate und Verfahren zur die systematischen Lösung umfangreicher linearer Gleichungssysteme sind nur einige seiner Leistungen. Das gesamte Lebenswerk Gauß‘ konnte erst mit dem Fund seiner Tagebücher 1896 ermessen werden, da es zahlreiche unveröffentlichte Ergebnisse enthielt. Gauß war Perfektionist und veröffentlichte Ergebnisse und Theorien erst, wenn sie seiner Meinung nach komplett waren. So wies er hin und wieder Kollegen darauf hin, Theorien an denen sie arbeiteten, schon längst bewiesen, sie nur noch nicht präsentiert zu haben.

Der Roman „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann stellt wichtige Stationen und Ereignisse im Leben des Mathematikers, Physikers und Astronomen Carl Friedrich Gauß dar, berichtet über seine bedeutendsten Werke, vermischt diese Fakten aber auch mit fiktivem Material.

Die Lebensläufe der beiden dargestellten Personen sind nahezu identisch und Unterschiede nur im Detail zu finden. Aussagen über die Persönlichkeit Gauß‘ zu treffen ist sehr schwierig, da Kehlmann sehr persönliche Sichtweisen darstellt und wenig Material diesbezüglich überliefert wurde. Es existieren hauptsächlich Zeugnisse seines Lebenslaufes und seiner Werke. Ich denke, Kehlmann hat Gauß in „Die Vermessung der Welt“ so dargestellt, wie er sich einen Wissenschaftler, der sich für sein Fach fasziniert und Genie auf diesem Gebiet ist, vorstellt.

Wie im Buch dargestellt, scheint Gauß in einer eigenen Welt zu leben, der Welt der Zahlen („Nachdem er einmal begonnen hatte, drangen die Ideen mit ungekannter Wucht an. Er schlief wenig, besuchte die Universität nicht mehr, aß nur das Nötigste und fuhr selten zu seiner Mutter. Wenn er halblaut redend durch die Straßen ging, fühlte er sich wacher denn je. Ohne hinzusehen, wich er den Leuten aus, nie stolperte er, einmal sprang er grundlos zur Seite und war nicht einmal überrascht, als in derselben Sekunde neben ihm ein Dachziegel zerschellte. Die Zahlen entführten einen nicht aus der Wirklichkeit, sie brachten sie näher heran, machten sie klarer und deutlicher wie nie.“, S.86). Heute solche Aussagen über Gauß zu machen ist mit dem überlieferten Material nicht möglich. Allerdings sind die Aussagen, die Kehlmann über Gauß macht, wie z.B. nichts essen, nicht schlafen, die Umwelt nicht wahrnehmen, typisch für jemanden, der Meister seines Faches ist und versucht, sich alles erdenkliche Wissen über ein Thema anzueignen. Beschäftigt sich Gauß mit Zahlen, blendet er die Realität aus und ist in seiner eigenen Welt.

Die Zeit in der er lebt beziehungsweise das Leben überhaupt, sieht Gauß eher negativ („Seltsam sei es und ungerecht, sagte Gauß, so recht ein Beispiel für die erbärmliche Zufälligkeit der Existenz, dass man in einer bestimmten Zeit geboren und ihr verhaftet sei, ob man wolle oder nicht.“, S.9). Doch trotzdem sagt er sich, „wenn man schon auf der Welt ein müsse, gefragt habe einen ja keiner, könne man auch versuchen, etwas zustande zu bringen. Zum Beispiel die Lösung der Frage, was eine Zahl sei.“ (S.86) Hier zeigt sich, dass Gauß das Leben als eine leidige Pflicht betrachtet, doch trotzdem versucht er, dass beste daraus zu machen und widmet sein Leben der Mathematik.

Neben Zahlen ist Gauß von Frauen fasziniert. Im Buch bezeichnet Gauß seine Ehe mit Minna als „das Unglück seiner späten Jahre.“, allerdings soll die Ehe in der Realität glücklich gewesen sein. Über die zahlreichen Frauengeschichten, die die Romanfigur Gauß erlebt, ist im Zusammenhang mit dem wirklichen Gauß nichts bekannt. Doch auch wenn das Buch Gauß als Frauenhelden darstellt, stehen Zahlen für ihn trotzdem immer im Vordergrund („Die Zahlen begleiteten ihn jetzt immer. Er vergaß sie nicht einmal, wenn er die Huren besuchte.“, S.86). Auch in der Hochzeitsnacht konnte er Zahlen nicht vergessen und sprang aus dem Bett, um eine Formel zu notieren. In der Ehe zu Minna wird eben diese als Mutter und Gauß sehr kindlich dargestellt. („Nun also versteckte sich Professor Gauß im Bett. Als Minna ihn aufforderte aufzustehen, die Kutsche warte und der Weg sei weit, klammerte er sich ans Kissen und versuchte seine Frau zum Verschwinden zu bringen, indem er die Augen schloß.“ , S.7) Außerdem lässt sich hieraus seine Ablehnung gegen Reisen („Selbstverständlich wollte er nicht dorthin.“, S.7) und auch Menschen ableiten, da jede Reise auch das Kennenlernen neuer Leute zur Folge hat. Gauß mochte es laut Buch nicht, dass für Menschen alles so selbstverständlich war, wie es gerade war, dass sie nicht Denken wollten, sondern einfach nur schlafen und essen.

Der kehlmannsche Gauß wirkt arrogant und grimmig. Ein Beleg für diese Eigenschaften Gauß könnte die Ablehnung gegen die Lehrveranstaltungen als Professor sein, da Gauß der Meinung war, seine Studenten wären den Inhalten seiner Vorlesungen nicht gewachsen. Zudem wird er als äußerst leicht reizbar, als Choleriker dargestellt („Als Gauß ihn sah, bekam er einen Wutanfall.“ , S.7), was dem realen Gauß allerdings nicht nachgesagt wird. Gepaart mit der brillianten Intelligenz Gauß‘ erweckt Kehlmann den Eindruck, dass nur Menschen mit extremem Charakter extreme Leistungen vollbringen können.

Die Leistungen Gauß werden geschickt von Kehlmann in die Handlung eingeflochten, dabei wird aber auch nicht immer ganz auf die Wahrheit geachtet. So entdeckte Gauß zwar die nicht-euklidische Geometrie, sie konnte für ihn aber bis dato nicht mehr als ein alternatives mathematisches Modell darstellen. Ein physikalisches Modell eines gekrümmten Raumes, in dem diese Geometrie Anwendung findet, lieferte erst Einstein mit seiner Relativitätstheorie.

Kehlmann stellt in seinem Werk sehr persönliche Sichtweisen und Eigenschaften Gauß‘ dar, von denen schwer zu sagen ist, ob Gauß diese hatte. Es existieren lediglich Zeugnisse seines Lebenslaufes und seiner Werke. Eine Autobiografie, die solch persönliche Einblicke in das Leben des Mathematikers bietet, wie Kehlmann sie darlegt, gibt es nicht. Deshalb ist es schwierig, den historischen mit dem fiktiven Gauß hinsichtlich seiner Persönlichkeit zu vergleichen. Da zeigt sich, dass „Die Vermessung der Welt“ eben ein Roman ist und keine Biografie. So werden Fakten verändert, ausgeschmückt und auf Kosten der Wahrheit und zu Gunsten des Unterhaltungswertes übertrieben dargestellt.

Hinweis: Die hier angebotenen Hausaufgaben wurden von mir persönlich erarbeitet und stehen deshalb unter Copyright. Du kannst gerne einzelne Passagen oder Ideen in deine Arbeiten übernehmen. Ich bitte dich jedoch, nicht den gesamten Text zu kopieren und als deinen auszugeben, da auch Lehrer die Suchmaschine Google kennen.

Erstellt von phil am 27.7.2010 um 11:20.

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